„Einblicke“

Dr. Norbert Hilbig:

Irgendwie – so hört man bisweilen – malt der Lehmann immer dasselbe. Stelen. Immer wieder Stelen. Nicht genau dieselben, aber doch zumindest ähnliche. Und wenn man sich länger auf sie einlässt, dann erkennt man doch zumindest Gestalten, eingebundene Menschen vielleicht, manchmal wie Mumien, Körper in Begrenzungen, unvollständige. Wenn man will, dann sieht man in jedem dieser Stelenbilder eine Figur, einen Torso. Lehmann hat hunderte gemalt. Körperstelen. Immer abstrakter werdend. Jede anders. – Finden Sie das langweilig?

Wenn einer von oben auf die Stadt sähe, dann sähe er alle gleich. Ein Heer von Gleichen wuselte ziellos durcheinander, ein Punktegewirr. Käme er näher, dann sähe er, dass keiner dem anderen gliche. Keiner ist dem anderen gleich. Wäre nun der, der da einmal von ferne guckt und dann näher heran kommt, ein Maler, und malte er nur einen aus dem Heer der Gleichen und sagte dann, es wäre, als hätte er alle gemalt, weil einer wie der andere sei, dann wüssten wir, dass er sich irrte. Wir müssen uns Eckehard Lehmann vorstellen als einen, der nicht irrt, der es besser weiß. Ja, so müssen wir ihn uns vorstellen, als einen, der angefangen hat, alle zu malen, weil er weiß, dass keiner dem anderen gleich ist. Und so ist auch keines seiner Bilder dem anderen gleich. Jedes Bild ist – als nächstes – eine Antwort auf das vorherige. Jedes ist eine Rückerinnerung an ein vergangenes und eine Vorschau auf ein künftiges. Und so entstehen dann diese faszinierenden Reihungen von kommunizierenden Stelen.

Das immer Gleiche ist das immer Andere, umso mehr, als es sich stetig verändert. Die Welt wird nicht täglich neu erschaffen, sie ist – obschon immer die gleiche – zu keiner Stunde noch die, die sie eben war. „Das ist wie Atmen“, sagt Eckehard. Und dabei blättert er eine neue Mappe durch und bemerkt mein Staunen über die Vielfalt des vermeintlich Gleichen. „Ein Bild zeigt ja nicht allein, was einer da drauf malt“, sagt er dann, „der Betrachter macht das Bild doch erst. Was der sieht, daraus wird das Bild.“ Das gefällt mir. Das kommt mir entgegen, ich bin der Seher, ich mache das Bild. Und der Maler, der diese Reihen komponiert? Ihn treibt die Neugier. „Wie lange kann man Dinge bearbeiten, bis man den Spaß verliert? Das, was fertig ist, wird durch das, was entsteht in Frage gestellt. Fände man das fertige Bild unübertrefflich, warum sollte man dann noch eins machen, warum sollte man dann weitermachen“, fragt Eckehard, und dabei fällt ihm ein wenig Zigarettenasche aufs Bild, die er behutsam wegpustet. Auf den Teppich.

Was für ein Teppich. Es gibt viele davon im Haus Lehmann. Alte. Seltene. Und ebenso viele Bücher gibt es über sie. Eckehard ist Experte. Auch Teppichexperte. Zu jedem ist da eine Geschichte, zu jedem eine andere. Und jeder ist einzigartig.

Das Einzigartige, das ist nicht das Einzige, es ist das eine unter vielen – und unter den vielen dann doch einzig. Eckehard Lehmann malt Köpfe. Und Köpfe gibt es in der Welt so viele, wie es Körper gibt, alle gleich und alle verschieden. Lehmann macht, dass wir „Einblicke“ bekommen in all diese Köpfe. Er lässt uns hineingucken. Gucken Sie mal:

Der Kopf ist der Computer des Körpers. Der Rechner. Er rechnet. Er macht das Kopfrechnen. Der Kopf ist eine Bibliothek. Der Kopf – so sagt man – ist der Sitz des Verstandes. Eine Schatzkammer. Ein Speicher. Ein Labor. Eine Vorratskammer. Der Kopf ist das Synonym für Geist und Verstand. Der Geist erhellt den Kopf. Er macht ihn zu einem hellen. Es ist Licht in ihm. Ein kluger Kopf. Ein gescheiter Kopf. Der helle, kluge, gescheite, der große Kopf wird – kurioserweise – Köpfchen geheißen. Die Verkleinerung verweist auf ihr Gegenteil. Die Verniedlichung vergrößert das Gemeinte. Gelehrsamkeit hängt nicht mit der Größe des Kopfes zusammen, obschon man einen Gelehrten einen großen Kopf nennt. Einem Dummkopf sagt keiner, er sei ein kleiner Kopf. Trotzdem gibt es kleine Köpfe. Oder flache. Ein großer Kopf ist nicht zwingend ein großer Kopf.

Es gibt kluge Köpfe und wirre. Wirrköpfe. Es herrscht Verwirrung in ihm. Es ist offenbar zu viel los im Kopf. Es ist Chaos darin. Ein heilloses Durcheinander. Ruhige und unruhige Köpfe gibt es. Es spukt in ihm. Trugbilder. Verrückte Geschichten. Die Wahnvorstellung. Die Phantasie, für die es außerhalb des Kopfes keine Entsprechung gibt. Mitunter bedürfen die Genialität und die künstlerische Phantasie vielleicht der Leere oder des Chaos’ im Kopf.

Der Kopf ist die Werkstatt und die Wohnstatt der Gedanken. Der Kopf ist das Nest aller Gedanken. Auch der schmutzigen. Sie werden dort ausgebrütet. Die gehen da um. Es sind die Gedanken wie Wanderer, sie gehen durch den Kopf. Auch Bilder gehen durch ihn hindurch. Verschwommene und scharfe. Ein ewiges Gehen. Was da im Kopf abgeht, das ist unaufhaltsam, das lässt sich nicht abschalten. Nicht stoppen. Man kann nicht nicht denken, es sei, man hörte auf zu sein. Das, was da drinnen vorgeht, das kann keiner sehen. Das Innen des Kopfes ist jedermanns Geheimnis. Man möchte bei manch einem hineingucken können. Gucken Sie doch! Gucken Sie doch rein!

Vor vielen Jahren, als in mein Leben ein Schnitt geschnitten war, da besuchte mich Eckehard in meiner neuen Wohnung und schenkte mir ein Bild. Darauf war etwas wie ein Fenster erkennbar, unten verdunkelt und oben lichthell durch ein vibrierendes Gelb. Darunter stand: „Ausblicke.“ Und darunter stand: „für Norbert.“ Und zusammen hieß das dann: „‚Ausblicke‘ für Norbert.“ Ich hatte zu dieser Zeit noch keine Bilder gehängt, weil ich nicht wusste, was mit meinem Leben werden würde. Nur dieses hatte ich aufgehängt. Viele Wochen lebte ich nur mit diesem Bild, von dem ich meinte, dass es mein Lebensgefühl, die Dunkelheit und das Licht am Fenster zum Ausdruck brächte. Heute hängt es an einem anderen Platz und hat an Bedeutung verloren, aber es erinnert mich noch immer an eine Zeit, wo ich glaubte, von diesem Bild ganz unmittelbar gemeint zu sein. Mit einem Bild muss man leben und gemeinsam mit ihm älter werden. Dann wird man bisweilen getröstet von ihm, mal bedroht es einen und dann wieder ist man versöhnt mit ihm. Es ist Bestandteil all der Auseinandersetzungen, die ein Leben prägen. So wie ein Gedicht, das in ganz verschiedenen Lebenssituationen immer wieder neu und anders zu lesen ist. Verstehen Sie nun, was Eckehard meinte, als er sagte, dass der Betrachter das Bild mache? Allein durch den, der es sieht und mit ihm lebt, entstehen die Wirkungen. Der Maler hat einen Impuls gegeben. Ein Bild ist, was es ist. Aber es ist doch nicht allein nur das, was es ist, es ist immer auch das, was es wird.

Das Gleiche wird immer anders gesagt, und jedes neue Sagen stellt das vorher Gesagte in Frage. Sagt Eckehard. Und er hat viel zu sagen. Eckehard ist wohl der sachkundigste, der kenntnisreichste Zeitgenosse, dem ich je begegnet bin. Kein europäisches Museum, das er nicht bereist hätte, kein alter und kein zeitgenössischer Künstler, den er nicht im Kopf hätte, und nicht nur das, er kennt Werk und Wirkung, ja sogar den Marktwert jedes Einzelnen. Seinen hohen und rigorosen Ansprüchen hält nur weniges stand. Keiner kritisiert so gnadenlos und fundiert zugleich, er ist in Sachen Kunstverstand so etwas wie die letzte Instanz. In Berufung zu gehen, wäre zwecklos. Man muss den Eckehard lieben oder einen großen Bogen um ihn machen. Ich habe mich für das Erstere entschieden. Und dann erlebt man einen ganz und gar liebenswerten, klugen, großzügigen und menschlich verständigen Mann, dessen Gegenwart ein beträchtlicher Gewinn ist. Ich wollte eigentlich nur ein, zwei Stunden bleiben. Und dann ist es doch bald Mitternacht. Wir gehen runter in die Küche. Essen noch was.

Das Haus von Beate und Eckehard Lehmann ist eigentlich gar kein Wohnhaus, es ist ein Museum. Voll von Kunst. Voll mit afrikanischer Kunst. Alles steht und hängt da wie beiläufig und doch ist alles in diesem Haus komponiert. Wie eine Symphonie von Gustav Mahler. Und ganz so wie Lehmanns Bilder. Dabei hegt er eine tiefe Aversion zu allem was er abfällig „Gestaltung“ nennt. Gestaltung ist ihm der Gegensatz zur Kunst. Gestaltung, das ist das Gewollte, das Gemachte, nicht das, was im künstlerischen Prozess sich selbst herausschält. Gestaltung ist mutwillig produzierte Gefälligkeit. Dagegen sträubt sich alles in ihm. Sagt er. Und wenn doch aber seine Bilder gestaltet wirken – ich frage das etwas irritiert, die sind doch „gestaltet“ – dann spricht Eckehard von Komposition. Gestaltung ereignet sich, sie wächst, ist Ausdruck eines Prozesses, aber sie ist nicht Anlass, sie ist Ereignis, nicht Mutwillen. Und wenn Sie sich – meine Damen und Herren – einlassen auf diese Bilder, dann kommen Sie – wie ich – nicht umhin, ihm Recht zu geben. Überall sind Brechungen, nie gerät etwas zu stimmig, nie etwas zu brav. Und so kommt es, dass manche Bilder nur Stunden, manche Jahre dauern. Dann wird übermalt und korrigiert, noch mal übermalt, bis die Leinwand immer dicker schwillt. Bis das, was „Gestaltung“ hätte sein können, getilgt ist, bis jede Farbe zu klingen beginnt, bis alle Farben zu Akkorden sich zusammenfinden und alle Sinnlichkeit entfalten, die ihnen eigen sind.

„Ich höre euch fragen: Wie ist das, wenn man eine Farbe ist? Farbe ist die Berührung des Auges, die Musik der Taubstummen, ein Wort in der Dunkelheit.“