„Im Gegenwärtigen Vergangenes“

Dr. Norbert Hilbig:

Nichts geht verloren. Nichts von all dem was war, kommt abhanden. Alles Vergangene ist immer auch Gegenwärtiges, alles lebt fort, in Erinnerungen und Bildern, als Spur und als Narbe. Als Traum, als Symptom vielleicht – oder als chronifizierter Schmerz. Manchmal möbliert sich einer neu und es bleiben doch die Abdrücke des Gewesenen im Teppich. Die Wunden der Vergangenheit sind heute Narbengewebe. Die Bilder von gestern sind – verblasst und ausgeblichen – immer noch wirksam. Es wird neu gestrichen, die alten Beschriftungen werden übermalt, es wird neu tapeziert, aber unter der frischen Tapete bleibt die alte gegenwärtig, sie ist unsichtbar und ist doch da.

Gisela Wilke-Schellhorn hat ihrer Ausstellung den Titel „Im Gegenwärtigen Vergangenes“ gegeben. Gisela Wilke-Schellhorn mag keine großen Gesten und statt großer Formate wählt sie solche, die sich auf den Schoß legen lassen, so 60 x 80, eher noch 50 x 70 oder noch kleiner. Gisela wurde geboren in Nettlingen, und dort hat sie gerade das alte Fachwerkhaus ihrer Großmutter renoviert und neu bewohnbar gemacht; ihre Tochter Vera lebt nun dort. Sie hat – damit beginnen Renovierungen vielfach – die alten Tapeten entfernt, abgerissen – und das Zeitungspapier darunter. Das ist wie Archäologie. Was wohnte hinter den Fassaden? Was verbarg sich hinter dem Schleier? Welche Wunden versteckte der Verband? Welche Texte waren überschrieben? Welche Geschichten blieben unerzählt?
Die Tapetenreste werden für Gisela zum Baumaterial ungezählter Collagen.

Das Material ist authentisch. Jedes Leben hat Name und Anschrift. Marienburger Straße 16. Welches Leben wurde hier gelebt? Welches im Haus nebenan? Hier vollzieht sich eine von so vielen Haushaltsauflösungen; da werden mitunter Leben abgewickelt wie marode DDR-Betriebe. Gisela Wilke-Schellhorn rettet das Zeug, das keiner haben will, vor dem Sperrmüll. Sie konstruiert und rekonstruiert Lebensgeschichten. Ganz so wie Marion Lidolt, sammelt, verwahrt und liebt sie alte Fotoalben und liest darin Bildergeschichten. Da ist eine Frau. Marthe Grabau. Alles Leben ereignet und konserviert sich in Bildern und Texten. Postkarten gibt es. Mitteilungen aus einer anderen Welt, aus einem anderen Leben. Aus dem Urlaub geschrieben, jeden Tag eine. Gisela sichtet, montiert, rekonstruiert, übersetzt den Sütterlintext, macht ihn lesbar. Sie entschleiert. Sie komponiert ein neues Schriftbild. Ein neues Bild entsteht. Eine Karte übrigens – gucken Sie mal – ist datiert am 9. September. Heute, genau heute vor 57 Jahren.

Das Haus, in dem Gisela Wilke-Schellhorn lebt, liegt wie in einem grünen Bett, eingewachsen, verwunschen. Sie lebt allein dort inmitten jener Blüten und Blätter und Früchte, die in diese Ausstellung hineingewachsen sind, als wollten sie hier überleben. Sie sind nicht mehr das, was sie einmal waren, sie sind verändert, zerbröselt, beschädigt, verwelkt, sie haben an Farbe verloren und an Form, sie sind von durchlebter Zeit verblichen und verlasst, aber sie sind noch da. Wie wir.
Gisela zeichnet die Adernetze von Blättern nach, sie treten jetzt hervor wie auf den Händen alter Menschen. Sie zeichnet Hyazinthenknospen, getrocknete Baumtomaten, Rosen- und Gladiolenblätter, Herbstanemonen, Blüten des Blauglockenbaums. Mal vervollständigt sie abhandengekommene oder zerbröselte Teile, stellt Zerstörtes wieder her, mildert tröstend die Beschädigungen. Mal zeichnet sie hinein oder fasst ein Blütenblatt mit feinen Tintenstrichen ein, dann näht sie Blütenkelche aufs Papier wie Applikationen auf Stoff. So behutsam, so zart wie eine leise, vorsichtige Berührung. Es gleicht jede Blüte einem Kuss auf die Narbe, die die Wunde verschließt, der sie sich verdankt. Und wir werden gewahr, dass das Beschädigte das Wahrhaftige ist. Das, was überlebte, vernarbt und geschunden, findet hin zu sich und bleibt als Lebendiges.

Im verwilderten Garten muss Ordnung geschaffen werden. Die Verwucherungen wollen besänftigt sein. Ein Busch wird zurückgeschnitten, eine Staude versetzt. Der Blick fällt jetzt auf Details, die eben noch verborgen waren. Das Viele ist mitunter die Verschleierung des Einzelnen. Gisela Wilke-Schellhorn zeichnet jetzt ihre Blüten, Zweige und Blätter auf weißem Papier in leerem Raum, isoliert sie aus der Verdschungelung der Bilder und lässt sie zu sich kommen. Das bewirkt so etwas wie das Ikebana im Zen, das die Dinge durch Reduzierung und Ordnung ästhetisch zur Ruhe bringt. Gisela, die eine Affinität zum Zen hat, konzentriert also ihre Gegenstände zeichnerisch in einen leeren geometrisch umgrenzten Raum. Und ihre Tomatenmumien, Blütenkelche und Früchte werden so tatsächlich zu ikebanischen Meditationsanlässen. Mal zeichnet Gisela jetzt auf glattem weißem Papier, mal macht sie sich einen Malgrund aus Acryl, der Strukturen schafft für das, was in diese sich eindrückt.

Gisela Wilke-Schellhorn hat in Hildesheim bei Paul König und in Braunschweig bei Malte Sartorius studiert. Sie ist eine präzise Zeichnerin, und ihre Präzision korrespondiert mit dem Leben und der Form ihrer Gegenstände: Der Blüte. Dem Blatt. Dem Zweig. Die Faszination, die von ihren Zeichnungen ausgeht, gilt auch jenem kreatürlichen Vergehen, das Gegenstand und Thema dieser Zeichnungen ist. Alle Blüten und Blätter und Früchte werden in ihren Beschädigungen und in ihren Prozessen der Auflösung mit einer liebenden, zugewandten Sorgfalt festgehalten, nicht kalt dokumentiert, sondern Anteil nehmend begleitet.

Wenn einer ganz nah den Dingen sich zuwendet, wenn einer noch näher herankommt, noch näher, noch ein bisschen, dann sehen die Augen, was der Abstand zu sehen sie hinderte. Da sind vertrocknete Blütenblätter – die sehen wie Tiere aus. Da sind Formen – dem Ding ganz fremd. Da sind Größenunterschiede – kaum merklich. Da sind Farbveränderungen – so leicht wie Luft. Gisela ist viel allein. Sie will das. Braucht das. Wenn man allein, wenn man ganz mit sich und bei sich ist, dann wachsen die Dinge einem zu und bleiben wie Freunde. Gisela ist viel allein, mit sich und der Gabe, zeichnen zu können, dem Geschenk, die Dinge verwandeln zu können, die Dinge zu dem zu bringen, was sie nur werden können, wenn man mit ihnen allein ist, sie versteht und liebt und dann künstlerisch zur Welt bringt. Dann wiederholt sich Schöpfung, nur diesmal ist der Schöpfer eine Schöpferin.