„last-minute“

Dr. Norbert Hilbig:

Das muss ich hier – wie schon vor einigen Monaten in Hannover – auch sagen: Der Jan Berg ist ein Intellektueller. Durch und durch. Er war jahrzehntelang Professor für Theater-, Film- und Medienwissenschaft, er ist promoviert und habilitiert, kenntnisreich, wie solche Leute sind, durchbildet und durchgebildet bis in die Knochen. Solche Typen sind als Künstler oft durch Verkopfungen bauchlos und schwer verdaulich. Sie könnten statt zu malen besser schreiben, statt bildnerisch sich auszudrücken besser reden. Anders bei Jan Berg. Nicht, dass er kopflos wäre – verstehen Sie mich nicht falsch, – nicht, dass er nicht gut reden und schreiben könnte, nur hat er fern des Kopfes auch einen opulenten Bauch. Und mit dem Bauch geht es – wie man weiß – anders zu, als mit dem Kopf. Und eben deshalb kommt es zu jenen manchmal quälenden, mitunter fruchtbaren Auseinandersetzungen zwischen den Widerstreitenden. Die hier gezeigten Arbeiten geben eine Ahnung von diesen Streithähnen. Da fliegen Federn. Die sieht man. Überall Federn. Dazu Körperteile, fragmentierte, aufgelöste Körper. Wirbelkörper, Beine, Schenkel, Hände, die zugreifen, ein Phallus hier, ein Fuß da, ohne Schuhe, ohne Stiefel, die sind ausgezogen, am Bildrand abgestellt. Vogelköpfe, Schnäbel, Federkleider. Und wir werden gewahr: Kein Ikarus kann denen es gleichtun, welche immerfort schon Chiffre waren für unsere Sehnsucht nach Aufbrüchen in eine andere Welt. Noch bevor wir sie sehen, stürzen wir. Und fallen tief.

In jedem Höhenflug ist bei Jan Berg der Absturz mitgedacht. In jeder Begegnung ihr Zusammenbruch, in jedem Körper sein Verfall, in allem Gelungenen die Verwerfungen und Zersplitterungen, in allem, was wir Identität nennen, ihre Beschädigungen. Adornos Diktum, dass jeder Einzelne unidentisch sei mit sich, finden wir bei Jan Berg rabiat und ironisch bebildert. Und wir erspüren seine Gegnerschaft zum Design, seinen Widerstand gegen Politur und Glätte und die Idee von Schönheit. Alles ist brüchig von Anbeginn her, nichts ist intakt, nichts unversehrt. Er karikiert die Freudschen Kategorien: Wo ICH war, soll ES werden. Wo ÜBER-ICH war soll der Pfeffer wachsen. Jan Bergs Frauen- und Männerkörper sind Übergangsphänomene; keiner ist, was er ist. Und so sehr die Gender-Thematik ihn umtreibt, nie gerät sie ihm zu einem biedermeierlichen Gender -Diskurs.

In seinen zahllosen kleinen Skulpturen erzählt Jan Berg Geschichten. Und um die zu verstehen, muss man die Titel lesen. Aber ganz eigentlich sind diese Titel gar keine Titel, sondern so was wie Einstiegsassoziationen für Geschichten, die sich dann von selbst erzählen. „Morgens fischen, mittags jagen, abends philosophieren“, so heißt eine Skulptur, die sich auf einen Text von Karl Marx aus der „Deutschen Ideologie“ bezieht. Jan Berg spielt mit solchen Assoziationen ganz so wie mit den Materialien, die als Assoziationsbausteine verbaut und verklebt werden. Vom Tierschädel bis zum Strumpfhalter, vom Patronengurt bis zu diversem metallischen Schrott, alles lässt sich als Spielmaterial verwenden. Und immer werden unterschiedliche Semantiken und Widersprüche gegeneinander geknallt, immer wieder wird heterogenisiert, und zu guter letzt fügt sich alles in die zu erzählende Geschichte. „Morgens Feindberührung, mittags Friedensschluss, abends Champagner mit Damen“ heißt eine weitere Kleinskulptur, und wieder eine andere „Morgens Mann sein, mittags Frau, abends Tier.“
Immer geht es Jan Berg auch um Männerphantasien, um Sexualität und die Lust, die ihr beiwohnt wie der Irrsinn. Er ironisiert die Mythen der Liebe und die Mythen der Sexualität in vielen seiner Kleinskulpturen „Festnetzsex“, in seinen Gussstahl-„Ich-Trophäen“ oder denen, die heißen: „Ich ist ein anderer“ und „Potenz ist ein anderer.“ Und die Peitsche, die Nietzsche zum Weibe mitzunehmen empfahl, die knöpfen sich nun die Weiber vor – und den Nietzsche gleich mit. Die kleine Skulptur „Souterrain und Überbau“ wirkt – wegen der Andeutung einer Bischofshaube – wie eine Allegorie auf den Zölibat – und sie ist doch mehr. Der Genitalapparat wirkt verkümmert und beschädigt, während der überdimensionierte Kopfapparat die ganze Skulptur zu Fall zu bringen droht. So ist es doch, das „Obenrum“ wird hoch geschätzt und aufgebläht, das „Untenrum“ gering geschätzt und versteckt. Und eben das persifliert Jan Berg mit seinen Skulpturen-Anekdoten. Ganz ähnlich die kleine Serie „Dr. Hirsch wie verwandelt.“ Fünf Skulpturen und fünf Geschichten. Die Requisiten abgezählt: je eine gestärkte Hemdsärmelmanschette, Schädelknochen eines Fuchses, ein schwarzer Handschuh und nur wenig mehr. Und auch hier wieder die Kurztexte, die unseren Assoziationen die Richtung vorgeben. „Mein Urgroßvater mütterlicherseits war ein richtiger Fuchs“, oder „Er war ein ganz Ausgekochter schon zu Lebzeiten.“ Satire voller Anspielungen auch in dem Zweiteiler „Comédie Humaine“, in dem das Herr-Knecht-Thema berührt scheint, und wie so oft im Leben weiß man nicht, wer von wem abhängt.

Bei der Insel Kythera entstieg Aphrodite, die Schaumgeborene, dem Meer. Der Mythos erzählt, dass Uranos von seinem eifersüchtigen Sohn Kronos entmannt wird. Und das abgetrennte Glied fällt ins Meer und ejakuliert dort. Der Schaum, dem die Aphrodite entsteigt, ist nichts anderes als das Ejakulat des Uranos. Und weil jeder diesen Mythos kennt, pilgern seit ewigen Zeiten die Liebenden nach Kythera. Diese „Überfahrt nach Kythera“ wird von Jan Berg nun nicht verklärt wie zum Beispiel Jean Jacques Watteau dies in seinem Bild „Ile de Cythera“ macht. Jan Berg konstruiert stattdessen eine groteske Szenerie auf Fallschirmseide: Gespreizte Beine und ein paar schräge Accessoires, und der Mythos reduziert sich auf das, was Kerle ganz eigentlich im Kopf haben. Es geht um Sex. Und dann ist da – auch so ein mythologischer Superstar – die Pasiphaë, die Tochter des Helios. Die entbrennt in Liebe zu dem kretischen Stier. Allein wegen seiner herrlichen Gestalt. So sind die Frauen. Daidalos lässt ein hölzernes Gestell anfertigen, auf dem der Stier sie besteigen kann, ohne sie zu zerquetschen. Jan Berg hat eines nachgebaut. Es ist Gestell und Nutzerin in einem. Das alles ist bewusst ohne Schönheit und Liebe, ohne Sorgfalt und Präzision gebaut. Wenn in der Malerei über bad painting geredet wird, so muss man hier wohl über bad sculpturing reden.

In all dem wirkt Jan Bergs sublimer Humor. Immer wieder sind es diese kleinen Skulpturen aus Fundstücken, aus Alu und Messing. Eine zeigt einen Vorleser, am Pult mit gestreckten Armen sich aufstützend. Und sein Kopf hat Ähnlichkeit mit dem Gegenstand seiner Vorlesung. Woher wir das wissen können? Durch den Titel der Skulptur: „Kant. Königsberg. Sommer 1789. Vorlesung Anthropologie: Über Tiere mit gespaltenen oder ungespaltenen Hufen“. So heißt die Skulptur wirklich. Wörtlich so. Ehrlich. Es gibt solche Titel, die die Lektüre eines Buches erübrigen, weil es im Titel schon sich erfüllte. Wie dieser, von Wolf Wondratschek: „Ein Bauer zeugt mit einer Bäuerin einen Bauernjungen, der unbedingt Knecht werden will“ Das Buch hat in seinem Titel sich erschöpft, es wäre blöd, es noch zu lesen. Jan Bergs Titel macht aus der kleinen Skulptur eine Geschichte. Eine zum Schmunzeln. Und zum Weiterlesen.
Aber: Jan Berg ist auch ein politisch denkender Künstler. So widmet er Alfred Hrdlicka zu dessen 80. Geburtstag eine Reihe kolorierter Kaltnadelradierungen – auf Plexiglasscherben. Hrdlicka hält – wie Berg – an der Figürlichkeit fest. Er arbeitet in seinen Skulpturen, Gemälden und Grafiken figurativ-expressiv und verzichtet auf ungegenständliche Bildsprache. Kein Wunder, dass Jan Berg sich ihm nahe fühlt.

Es sind gleichwohl solche politisch motivierten Werkzyklen wohl eher die Ausnahme. Jan Berg arbeitet normalerweise eher aus dem Bauch heraus. Mit dem Bauch. Er ist kein Planer, er ist ein Suchender, er ist kein Konstrukteur, er ist einer, der findet, manchmal das, was er gesucht hat, oft gerade das, wonach er nicht gesucht hat. Um das Gesicht des Mondes zu erkennen, muss man ihn lange anschauen. Dann irgendwann sieht man es. Es ist nicht von sich aus da, es ist da, wenn man es sieht. Das ist das Pathos des Dokumentarfilms, mit dem Jan Berg so eng verbunden ist: Solange filmen bis das Bild gefunden ist, warten, bis das Bild kommt, sehen, bis das Bild erscheint. Eine irgend geartete Gestalt, fand Kracauer, erscheint im bewegten See, wenn man nur lange genug ihn anschaute. Ein Gleiches zählt der Weisheit der Eskimos zu, dass der Knochen solange zu schnitzen sei, bis der Geist sich zeige. Was immer wir in Jan Bergs Arbeiten sehen, es ist da, weil wir es sehen, und es ist auch da, wenn wir es nicht sehen. Machen wir also die Augen auf und gucken mit dem Bauch. Vielleicht sehen wir, was aus ihm wuchs.


„Wirkliche Kunst hat die Eigenschaft, uns zu verunsichern.“ (Susan Sontag)