„Arbeit“

Dr. Norbert Hilbig:

Arbeit ist – etymologisch – Mühsal und Not. Sie ist ein Fluch. Tatsächlich war ja das Ende des Paradieses – alttestamentarischer Vorstellungen zufolge – an den Beginn der Arbeit gekoppelt. Gott verjagt die Menschen aus dem Paradies, das heißt er hebt es für sie auf und zwingt sie zu produktiver Arbeit. Der zornige Gott sagt im 1. Buch Mose dem Mann: Es „soll der Acker verflucht sein. Dornen und Disteln werden darauf wachsen. Dein Leben lang wirst du hart arbeiten müssen, damit du dich von seinem Ertrag ernähren kannst. Viel Mühe und Schweiß wird es dich kosten.“ Das ist uns bis heute als Strafe vorgesehen, dass wir nicht allein arbeiten müssen, um unser Leben zu erhalten, es wird uns die Arbeit auch noch schwer gemacht. Und so freut sich ein jeder – tagein, tagaus – auf den Feierabend, aufs Wochenende, auf den Urlaub, die Ferien. Ja, es hofft ein jeder, dass der Arbeitstag enden möge, dass die Arbeit selbst enden möge, und es lebt immer fort die Sehnsucht, nach der Rückkehr ins Paradies, jenen Zustand, in dem jedermann frei wäre von Arbeit. Es ist die Sehnsucht nach der Wiederherstellung des Paradieses in den Menschen lebendig. Dass es wieder werden möge wie es einst war, ist fortan ein, wenn nicht der Menschheitstraum.

Roland Bauers Installationen sind wie ein düsteres Erwachen von Arbeitswelten des 19. Jahrhunderts, wie Fundstücke aus den Jahren der Industriellen Revolution, wie aus einer Requisite zu Émile Zolas Bergarbeiterepos Germinal. Roland Bauer gibt eine Ahnung von der Not, die solche Paradiesphantasien am Leben hielt. Die gespenstische Spindinstallation, die aufgereihten Druckkerne aus einer alten Bremer Silbermanufaktur, vor allem aber die Reihung alter Lederschürzen schaffen einen fühlbaren Eindruck jener Arbeitsprozesse, die sie repräsentieren. Bauer scheint den 1845 entstandenen Klassiker Die Lage der arbeitenden Klasse in England von Friedrich Engels sinnlich konkret zu bebildern. Im Kommunistischen Manifest stand, dass die Arbeiter nichts zu verlieren hätten, als ihre Ketten. Roland Bauer hat sie im zweiten Stock aufgehängt. Aber mit seinem Knecht Männe zeigt er, dass mitunter vergangene Jahrhunderte in der Gegenwart fortdauern. Ja, Männe lebte noch am Ende des 20. Jahrhunderts wie ein leibeigener Knecht mitten in Hildesheim. Roland hat ihn oft besucht und viele ebenso bedrückende wie eindrucksvolle Zeichnungen sind bei diesen Besuchen entstanden. Roland Bauer hat Männe unsterblich gemacht, er hackt sein Holz heute in Rolands eindrucksvoller Installation, in der wir frieren und immer wieder auch schmunzeln müssen, wenn Männe die Axt vom Stiel fällt, und es ihm nicht gelingt, sie irgendwie festzukriegen. Männe war – anders als Zolas Etienne – der glückliche Sklave, der glückliche Sisyphos.

Marc Bertrams irre Besen-Objekte gehören dem armen Sisyphos zu, der von den Göttern verurteilt war, ewig sinnlose Arbeit zu tun. Hätten sie die Strafe anders formuliert, ihm einen Besen gegeben, den Berg zu fegen, sie hätten ihm einen Besen von Marc gegeben. Und trotz alledem: Albert Camus endet seinen Mythos von Sisyphos mit dem Satz „Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.“ Und wissen Sie warum, weil Sisyphos, wenn der Stein den Berg herunterrollt, frei von Arbeit ist. Auch er hat einen Feierabend. Nur, wenn der Stein unten angekommen ist, dann geht die Plackerei von neuem los. Aber bei jeder neuen Plackerei weiß er, dass der Feierabend kommt. Er ist nie ganz frei, aber doch die Hälfte seiner Zeit. Keiner von uns ist Sisyphos fern, auch wenn mancher es glaubt. Wir fegen und fegen, und es wird nicht sauber. Marc Bertram hat diesem Irrsinn in seinen irren Objekten Gestalt gegeben.

Karl Marx meinte, dass der Mensch bei der Arbeit außer sich sei und außerhalb der Arbeit bei sich sei, und kennzeichnete damit die entfremdete Arbeit. Die ist es ja, die uns Leiden macht. Die andere Arbeit, die nicht-entfremdete, die, die ein Künstler zum Beispiel macht, in der er sich verwirklicht, in der er zu sich selbst kommt, die beglückt ja, die nehmen wir gerne als Vorbild für freie, für gelungene, befriedigende Arbeit überhaupt. Und eigentlich ist sie gar nicht Arbeit. Sie ist das Leben, weil sie das Leben selbst meint und nicht die Erhaltung seiner Funktionen. Von solcherlei beglückender Arbeit schwärmt Kurt Baumfeld. Aber man sieht es seinen Bildobjekten nicht an. Seine wie Ballettschuhe präsentierten Arbeitsschuhe, seine paradox leuchtend roten Blaumänner, seine bedruckten und bemalten Arbeitsklamotten, meistens T-Shirts, alle sollen die Arbeit zu ihrem Sinn hin befreien. Er spielt mit den Bedeutungen des Serien-Aufdrucks Arbeit – freimachen. Nicht Machen Sie sich frei im Sinne von Ziehen Sie sich aus, eher: macht Euch den Kopf frei, nicht macht Euch von Arbeit frei, eher werdet frei in Eurer Arbeit und durch Eure Arbeit. Kurt Baumfeld will Denkarbeit und da sie auf Klamotten gemalt und gedruckt ist, wird die körperliche Arbeit ins Spiel gebracht. Denn die Klamotten sind des Körpers, nicht des Gedankens Insignien. Und bei seiner kunterbunten Wand „Aus dem Leben eines Taugenichts“, hat er Bücher mit Wäsche bezogen und bemalt. Ja, Kurt meint tatsächlich, dass Arbeit frei mache, obschon das nach Auschwitz nicht mehr sich sagen lässt. Aber es lebt Wahrheit in diesem Diktum, und auch die will er freimachen. Was auf Kurt Baumfelds Wäscheleinen hängt, das ist Buntwäsche, nicht schön, aber frei von jenem Fluch, der aller Arbeit anhaften soll, und den Kurt nicht glaubt.

Marion Lidolt begegnen wir in atemberaubenden Fotografien von tristen Brachen, Industrieanlagen und –gebäuden, mal menschenleer, mal mit isolierten orientierungslosen, ebenso tristen, fast leblosen Menschen und irren Schildern mittendrin. Hier und da ein Stuhl, sich auszuruhn. Oder ein Bett zu streben und zu sterben. Sie schiebt vielfach verschiedene Wirklichkeitsebenen so ineinander, dass keiner mehr weiß, was, wo und wer wirklich sei. Wirklich allein ist schließlich das Brot, das wir in der Arbeit erwerben. Alle Arbeit ist Broterwerb. Es reicht nicht, darum zu beten „Unser täglich Brot gib uns heute.“ Man muss dafür arbeiten. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein“, aber auch nicht ohne es. Und wo es trotz Arbeit nicht reichte, da wurde gekämpft um es. Manche Revolte und manche Revolution – nicht nur die 1789 – brach los wegen zu hoher Brotpreise. Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen, aber wer arbeitet, wer hart arbeitet, tagein, tagaus … „‚Man hat nicht alle Tage Fleisch.‘ ‚Hätte man nur immer Brot.‘ ,Wahr! Hätte man wenigstens Brot.‘“ Es reicht ja schon Brot. „‚Wenn man wenigstens genug Brot hätte!‘ wiederholte Etienne. ‚Verdammt, ja!, Wenn man immer satt Brot hätte, das wäre herrlich!‘“

Alke Lübs bringt den Arbeitsmenschen malerisch ins Spiel, der sonst so oft hier fehlt und einzig in seinen Arbeitsspuren und -chiffren gegenwärtig ist. Da sind Fleischer im Schlachthaus, Stahlarbeiter und Bauarbeiter, Frauen die Körbe auf dem Kopf tragen, und Menschen, die lernen. Ja, auch Denken und Schreiben, auch Kopfarbeit ist Arbeit. Nicht ohne Grund heißen Klausur und Test auch Klassenarbeit. Nicht ohne Grund sagen Schüler Wir schreiben heute eine Arbeit. Nicht ohne Grund nennt man das schuldhafte Fernbleiben beim Test Arbeitsverweigerung. Alke Lübs setzt derlei Ansichten so versöhnlich ins Bild, als wollte sie die Last schmälern, die Anstrengung mildern, die Not besänftigen. Vielleicht kann ja tatsächlich die Kunst uns versöhnen mit dem Unzuträglichen – ohne zu lügen. Vielleicht ist ja alles, was wir wirklich annehmen, in seiner Härte gemildert. Die Malerei von Alke Lübs hat solcherlei versöhnenden Duktus und eine Farbigkeit, die den Betrachter umfasst ohne ihn zu erdrücken. Die Bilder von Alke Lübs zeigen in der Arbeit immer auch das, was befreit aus ihr.

Paul Kunofski hat Serien produziert. Immer das Gleiche, immer noch mal, immer anders und immer gleich und immer wieder. Er hat, was Arbeit ist, formal und inhaltlich bestimmt. Die endlos scheinenden Serien zeigen Hände, Füße, Köpfe, Wege. Arbeit ist Kraft mal Weg, Körperkraft mal Lebensweg, Arbeitsleistung mal Lebensleistung. Leben ist Arbeiten und Arbeiten ist Leben. Und die geschundenen Hände und die gemarterten Köpfe und die mühsamen Wege von A nach B, von B nach A sind durchgerechnet, vermessen, ausgemessen. Immer wieder finden wir bei Paul Kunofski Zahlen und Maßbänder eingewoben wie einen roten Faden. Und Knochen wie Werkzeuge. Manches geht in die Knochen und: Unter die Haut. In einer anderen Serie finden wir dann ein kleines Repertoire von Arbeitsgerätschaften, ohne die es nicht geht. Schubkarre, Eimer, Kübel, Betonmischer. Immer anders und immer das Gleiche. Immer noch mal und immer wieder. Jedes Blatt ein Ereignis und alle zusammen wie eines. Eine beeindruckende Arbeit, eine, von der man sich erholen muss, wenn man sie gedanklich abgearbeitet hat. Man will eine Pause. Einen Kurzurlaub. Nehmen wir den blauen Stuhl von Marion.

Unsere Paradiese, die Ziele unserer Sehnsucht sind heute nicht mehr Schlaraffenland, es sind Vier-Sterne-Hotels all inclusive an der türkischen Südküste und Center-Parks in der Lüneburger Heide. Da sind wir Gammler, frei von Arbeit ein paar Wochen lang und lassen uns bedienen. Sie haben es sich verdient, beschwichtigt uns TUI. Sonst haben wir eigentlich für Gammler nichts übrig. Die Verunglimpfung der freien Zeit, des Gammelns, des Nutzen-losen ist ein Moment der ökonomischen Knechtschaft, in der die Menschen allesamt sich befinden. Die Verweigerung der freien Zeit als nutzen-loser Zeit, ist in der Psychologie der Menschen fest verankert. Wir scheinen gänzlich außerstande, uns von einer Nutzen-Funktion zu lösen. Wir können gar nicht mehr nicht-arbeiten, das heißt „nutz-los“ sein. Wir erdenken uns Tätigkeiten, die uns wenigstens die Illusion von Arbeit und Nützlichkeit vermitteln. „Hobbys“ sind gleichsam wie illusionäre Zwangsarbeiten zu veranschlagen; sie bewirken zwangsweise Nutzen und schützen vor der Angst von Funktionslosigkeit in der arbeitsfreien Zeit. Insofern verlängert sich – wie Adorno zeigen konnte – die Arbeit in die Freizeit hinein. Das heißt aber auch, dass das Elend, der Fluch der Arbeit, Einlass fand in das Paradies und es letztlich aufhob.