„Lebenszeichen“

Peter Paul König:

Alles Sehen ist ein „So-Sehen“. Niemals ist ein Sehen ein „Sehen-an-sich“. Wenn wir etwas sehen, dann nehmen wir etwas als etwas wahr. Wer an den Himmel sieht und den Großen Wagen erkennt, der identifiziert eine Anzahl von Sternen als Großen Wagen. Wer auf eine Reihe von Bäumen sieht und sie als Allee wahrnimmt (nicht als Einzelbäume oder gar als Ansammlungen von Ästen und Blättern), der sieht sie als Gestalt – eben als Allee. So gesehen ist jedes Sehen ein Wiedererkennen, ein Rückbezug auf Erfahrung, ein Erinnern.

„Lebenszeichen“ hat Paul König die Ausstellung überschrieben; ein Titel, der vielfältige Lesarten hat: Zunächst einmal „Ich bin da“ – als Mensch nach der Überwindung von Krankheiten, als Künstler nach 8 Jahren Einzelausstellungs-Abstinenz. Doch es bieten sich auch andere Lesarten an: Lebenszeichen als Zeichen, die ein Leben in ein Leben eingraviert hat; als Zeichen, die Leben anzeigen, ausdrücken, bedeuten; schließlich als Zeichen, in denen jemand – hier der Künstler – Leben sieht, Zeichen, die (für ihn) von Leben künden.

Etwas als etwas sehen – von den Vexierbildern kennen wir dieses Spiel mit der Wahrnehmung: Jetzt sehe ich das Bild als junge Frau, jetzt als alte. Oder: Jetzt sehe ich das Bild als Ente, jetzt als Hasen. Jetzt sehe ich das Leben so, jetzt so.

Jenseits der Bildenden Kunst hat Paul König dieses Spiel mit uns Kindern – den Kopf zum Himmel gewandt – betrieben: Was siehst Du in dieser Wolke? Ein Schaf. Jetzt einen Kohlkopf. Jetzt einen Omnibus. Oder er hat auf den Marmorboden der Kirche geschaut mit der Frage: Und was sehe ich hier? Und was dort? Und was jetzt?

Wer in diesem Sinne offen ist zu sehen, dem wird ein Ausschnitt aus dem Marmorboden zu einer „predigtfüllenden“ Beschäftigung – Langeweile ausgeschlossen; Sie können das ja gleich einmal ausprobieren – einen Marmorboden finden Sie hier allerdings nicht – aber keine Sorge: es funktioniert nicht nur mit Marmorböden:

„Alle Dinge, die wir sehen, müssen wir immer wieder zum ersten Mal sehen“, schreibt Fernando Pessoa „dann ist jede gelbe Blume eine neue gelbe Blume, auch wenn es dieselbe von gestern ist.“

Wenn ich Ihnen diese Gedanken über Paul König als Vater, als Marmorboden-Meditierer oder Wolkendeuter zumute, obgleich ich doch über ihn als Künstler sprechen soll, so aus einem einfachen Grund: Paul König ist (wenn ich mich nicht täusche) auch als Künstler (und für die Exponate aus den vergangenen 8 Jahren, die in dieser Ausstellung zusammengestellt sind, gilt dies in besonderer Weise) in gewissem Sinne Marmorboden-Meditierer und Wolkendeuter geblieben – Paul, der „Wolkenfänger“. Allerdings mit zwei gewichtigen Modifikationen:

Erstens schafft er sich den „Marmorboden“ oder „Wolkenhimmel“ seiner Bilder selbst, indem er Papier zerknüllt oder zerknickt, mit Druckerfarbe einschwärzt und daraus eine Monotypie erstellt, die den Bezugsgrund seiner zeichnerischen Deutungen darstellt. Als „gelenkten Zufall“ kann man dieses Verfahren charakterisieren: Paul König verbindet schon mit der Erstellung seines papiernen Einmal-Druckstocks eine vage Bildidee, überlässt diese dann aber dem zufälligen Spiel des Drucks.

In diese Vorlage sieht er deutend hinein – bleibt jedoch nicht bei seinen Wahrnehmungen stehen, darin liegt der zweite Unterschied zum Wolkendeuten – sondern fixiert sein Sehen zeichnerisch, zunächst mit schwarzer Tusche, später mitunter auch farbig mit deckenden Kreiden, Acryl- oder Aquarellfarben, manchmal mit Deckweiß. Auch in seinen realistischen Darstellungen (etwa von Bäumen, Wäldern, Vögeln oder Bergen) zeichnet er innere Bilder; es gibt – vielleicht mit einer einzigen Ausnahme – keine Entsprechungen in der realen Welt für seine Motive.

„Der Künstler soll nicht bloß malen, was er vor sich sieht,“ heißt es bei Caspar David Friedrich, „sondern auch, was er in sich sieht. Sieht er aber nichts in sich, so unterlasse er auch zu malen, was er vor sich sieht.“

Paul König sieht vielerlei, wenn er in sich schaut. Lavaströme sind auf den frühesten der hier ausgestellten Bilder aus dem Jahr 2002 dargestellt, dem Jahr der Eröffnung des Speichers und der letzten seiner Ausstellungen. Auch später kehren Naturmotive wieder – in den Vogelbildern der Jahre 2003 und 2004, den Baumserien seit 2008, den Alpenbildern von 2010, in gewissem Sinne auch in der Serie über den jüdischen Friedhof in Hohenems aus dem Jahr 2007. Dann immer wieder Darstellungen aus dem Bereich des Menschlichen, symbolisch, oft surreal, bisweilen wie im Traum oder Albtraum – die Masken aus dem Jahr 2006 und 2007, die Totentanze und Gesichterbilder von 2007, die Überwachungsszenarien, seit 2008 entstanden.

So vielfältig die Themen sind, so vielfältig sind auch die Stimmungen, die sich in ihnen übermitteln. So drückt sich in den Alpenbildern, in manchen Baum- und Vogelbildern eine unverstellte, unmittelbare und ungebrochene Freude am Schönen aus; die Lavabilder feiern den leuchtenden Farbrausch des Naturereignisses. Paul König sieht sie nicht als Untergangsszenarien, er sieht sie in ihrer kraftvollen Schönheit. Darf der Künstler das? Immer wieder äußert Paul König Selbstzweifel, einige der Bilder seien ihm „zu schön“ oder „zu realistisch“ geraten. „Der Künstler soll nicht malen, was er vor sich sieht, er soll malen, was er in sich sieht.“ Wer Paul König einmal dabei beobachtet hat, wie er stundenlang das Naturtreiben eines Gewitters verfolgt, der wird kaum daran zweifeln, dass es sich bei den Lavabildern in ihrer Schönheit und Faszination um innere Bilder handelt. Lebenszeichen, dazu gehört – Gott Lob – auch das Schöne und das Unbeschwerte!

Doch es sind nur wenige Bilder, in denen sich das Schöne gleichsam unverstellt zeigt. In der Mehrzahl setzt Paul König Kontrapunkte; er bricht das Naturbild ironisch – z.B. in dem Vogelbild „Eingebildete Gans“; zeigt sich zeit- und gesellschaftskritisch – etwa in den „Denkmal“-Bildern zur Überwachung; bisweilen auch spöttisch – so in einigen Totentanz- und Maskenbildern; dann grüblerisch – etwa in den Gesichterbildern. Immer wieder scheinen hinter den Zeichnungen existentielle Fragen auf: Was ist der Mensch?

„Die schlimmste Erfahrung ist,“ so der Künstler Peter Altenbourg, „dass sich alles beim Betasten entzieht. … wir können nichts umgreifen. Da kommen wir nur zu der Einsicht, dass die Dinge uns fremd sind … Daher die Kunst des Wartens … Ein Warten auf Anwesenheit und Verwandlung.“

Paul König wartet nicht. Er malt an gegen die Fremdheit des Nicht-Umgreifen-Könnens, macht greifbar, im Sehen-als, im Deuten. Zeichnerisch formt er das Bild aus der unbestimmten Druckvorlage, holt es in die Sichtbarkeit. Fixiert Erinnerungen – Bilder aus Vorarlberg, Sardinien, der Schweiz tauchen auf, eine Braques-Ausstellung; viele der zugrunde liegenden Erfahrungen teilt er mit seiner Frau Renate, entwickelt seine Sichtweisen auf die Welt auch im Dialog mit ihr; daneben Kindheitserinnerungen, albtraumhafte Schulerfahrungen, ein Filmbericht über einen Lavaausbruch. Auf die Unbestimmtheit der Druckvorlage assoziiert Paul König seine inneren Bilder, zunächst nur eine kleine Bildfläche im Blick, an der er akribisch arbeitet; dann geht er weiter – was ausgearbeitet ist, wird zur Grundlage des nachfolgenden Gestaltens; der Blick auf das Ganze; Übermalungen; Detailarbeit; und so wächst das Bild wie eine Stadt. Im Tafelbild – schreibt der russische Künstler Ilya Kabakov – steckt das Interesse erzeugende Element „in der Matrix der Werke selbst und besteht in der gleichzeitigen, doch parallelen Existenz des Ganzen und seiner Details, die dieses Ganze bilden.“

Wie die Einzelbilder entwickeln sich auch die Serien. Das lässt sich an der Vogelserie aufzeigen. Paul König sagt, der Vogel sei für ihn ein Symbol für Leichtigkeit und Befreiung. Einer Reihe von Bildern ist dies unmittelbar anzusehen. Doch das Motiv entwickelt sich weiter. Das Vogelmotiv wird zum Vehikel der Kritik an menschlichen Attitüden; gerät in das Spannungsfeld von Ästhetik und Müll; es zeigt sich verletzlich; es verweist auf die Kehrseite der Leichtigkeit, auf menschliches Leiden und schwere Krankheit. Mit jedem Bild gerät ein neues So-Sehen des Motivs in den Blick: Jetzt sehe ich den Vogel so, jetzt so.

Mitunter verbindet Paul König mit einem Motiv zwei höchst unterschiedliche Wahrnehmungen. Bei einer ganzen Reihe von Bildern gibt zwei Geschwisterbilder – eine schwarz-weiße und eine farbige Ausarbeitung. (Leider sind in der Ausstellung nur wenige dieser Paare zu sehen.) Dass es sich dabei nicht einfach um die Schwarzweiß- und die Farbversion eines Motivs handelt, sondern um zwei – mitunter völlig unterschiedliche – Sichtweisen, wird auch in den Bildtiteln erkennbar. So lautet die farbige Ausarbeitung zu der schwarz-weißen Zeichnung „Machtkampf“: „Schönwetterabend“. Auf diesem Bild sehe ich das Baummotiv als Machtkampf, auf diesem als Schönwetterabend.

Neueren Gedächtnistheorien zufolge ist das Gedächtnis keine Wachstafel, in die Erinnerungseindrücke eingraviert werden, keine Festplatte, auf der Daten für den erneuten Zugriff abgespeichert werden. Vielmehr konstituieren sich Erinnerungseindrücke bei jedem Gedächtnisaufruf neu – Bedeutungen werden im Erinnern konstruiert. Mit jedem Erinnern verändern sich Gedächtnisinhalte, eröffnen neue Sinndeutungen, und sie verfestigen sich zugleich. Jeder Gedächtnisaufruf ist ein Festhalten und Verändern. Paul Königs Bilder sind Bild gewordene Gedächtnisaufrufe – Lebenszeichen – sie arbeiten heraus, was festgehalten werden will, sind Manifestationen gegen das Sich-Entziehen, gegen die Fremdheit.

„… im ungeheuren Raume meines Gedächtnisses. Dort sind mir gegenwärtig Himmel, Erde, Meer und alles, was ich von ihren Dingen mit meinen Sinnen fassen konnte“, schreibt Augustinus in seinen Confessiones. „Was nun alles dorthin eingeht … und im Verwahre aufgehoben wird, das sind nicht die Dinge selber, sondern ihre sinnlich empfangenen Bilder liegen dort bereit für den Aufruf des tätigen Geistes, der sich ihrer erinnert.“ Drängt sich beim Nachsinnen etwas in das Erinnerungsbild, so „scheuche (ich) es mit der Hand des Innern weg, bis sich entwölkt, was ich will, und aus dem Versteck hervortritt in die Sichtbarkeit.“

Mit dieser Ausstellung hat Paul König seine Bilder hervortreten lassen in die Sichtbarkeit, hat Lebenszeichen akzentuiert und dabei mancherlei weggescheucht. Wenn Sie nachher durch die Ausstellung gehen, dann können Sie sich den Bildern auf unterschiedliche Weise nähern. Sie können ein schnelles Wolken-Rate-Spiel veranstalten: Das ist ein Ölbaum, hier ein Vogel, eine Berglandschaft. Das hat den Vorteil, dass Sie ziemlich schnell durch sind. Den Nachteil, dass Ihnen möglicherweise bald langweilig wird: „Ein möglicher Grund für Langeweile beim Betrachter“, schreibt Ilya Kabakov, „ist die schnelle und endgültige Klärung, was er vor sich hat, woraufhin er in den folgenden Minuten suchen wird, was sonst seine Aufmerksamkeit fesseln könnte und vor allem, wie er möglichst schnell dem entfliehen kann, was für ihn Gegenstand dieser Langeweile ist.“ Dazu freilich gibt es auf einer Vernissage ausreichend Gelegenheit: Wein und Gespräche.

Sie können es natürlich auch anders machen. Wenn Sie sich auf diese Spur begeben, stellen Sie sich vielleicht die Frage: Und wie sieht es der Künstler auf diesem Bild? Und wie hier? Und wie sehe ich es jetzt? Und wie aus diesem Abstand? Sie werden ihre eigenen Bilder entwickeln. Werden das Bild gewissermaßen als Marmorboden nehmen. Werden den Bildwerdungsprozess fortsetzen. Dann freilich werden Sie lange brauchen, werden vermutlich noch einmal mit mehr Zeit und Ruhe wiederkommen müssen. Doch: Möglicherweise werden Sie dafür belohnt, so wie Fernando Pessoa es verspricht:

„Alle Dinge, die wir sehen, müssen wir immer wieder zum ersten Mal sehen. Und dann ist jede gelbe Blume eine neue gelbe Blume, auch wenn es dieselbe von gestern ist. Wir sind nicht mehr dieselben und die Blume ist es ebensowenig. Sogar das Gelb kann nicht mehr dasselbe sein. Schade, dass wir nicht die Augen haben, um dies zu begreifen, dann nämlich wären wir alle“ – vielleicht – „glücklich.“